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(Buchbesprechung)
Gendün Chöpel (1905-1951) kann ohne Zweifel als eine der faszinierendsten und schillerndsten Persönlichkeiten Tibets im 20. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Bedeutung für die tibetische Geistesgeschichte wird zunehmend auch im Westen erkannt. Früh als Wiedergeburt eines spirituellen Meisters entdeckt und so in die überkommene religiöse Struktur Tibets eingegliedert, hat sein weiterer Ausbildungsgang seine Sinne nicht nur für die religiösen Feinheiten und meditativen Praktiken geschärft, sondern auch für die gesellschaftlichen Missstände und die Verkrustung der klösterlichen Hierarchie. So will es ihm „einfach nicht einleuchten, dass man sich der klaren Erkenntnis nur durch das Nachbeten von vorgefertigten Lehrmeinungen annähern kann." (Zit. S. 63)
Hin- und hergerissen zwischen dem hohen moralischen wie auch spirituellen Anspruch der tibetisch-buddhistischen Lehren und den menschlichen Schwächen eines äußerst emotional reagierenden und stark empfindenden Menschen wurde Gendün Chöpel zu einem Wanderer zwischen Ost und West, spirituellen und weltlichen Anliegen, Askese und Ausschweifung, aber auch zwischen Religion und Politik. In einer ungemein bildnerischen Lebensbeschreibung gelingt es Elke Hessel, diese Spannungsfelder lebensnah und in sehr berührender Weise darzustellen. Als ein Mann, der der Liebe und den Frauen zugetan war, lebte er doch auch für seine spirituellen Werte und politischen Überzeugungen. So sind noch heute manche Tibeter davon überzeugt, dass nur er das tragische Schicksal ihres Landes, „auf beiden Augen blind für die gesellschaftlichen Veränderungen, die in der Welt draußen vonstatten gegangen sind" (Zit. S. 89), hätte abwenden können: „Fast alle Reformen von oben ... sind im Sumpf der tibetischen Bürokratie versickert oder am Widerstand der mächtigen Familien und des Klerus gescheitert." (Zit. S. 89)
Mit der Lebensgeschichte dieses „modernen, unheiligen Narren" liefert Elke Hessel gleichzeitig ein gutes Sittenbild von Amdo (Nordosttibet). Den Kenner macht sie mit der interessanten Lebensgeschichte und den wahren Verhältnissen in den Klöstern und der Gesellschaft des im Westen zu sehr idealisierten Tibets vertraut. Damit lässt sie einen wichtigen Teil der tibetischen Geschichte unmittelbar lebendig werden. Der weniger mit Tibet vertraute Leser wird „so nebenbei" und doch sorgfältig in die grundlegenden Geistesvorstellungen des tibetischen Buddhismus eingeführt und wie diese im gesellschaftlichen Rahmen erstarrten: „In den großen Gelugpa-Klöstern hat man Tsongkhapa zur Ikone der wahren Lehre und der wahren, allgemein gültigen Erkenntnis hochstilisiert. Indem man ihn in den Bereich des Übermenschlichen entrückte, hat man sein kluges Lehrsystem unantastbar gemacht, aus einem lebendigen Entwicklungsprozess herausgehoben und zum Dogma erstarren lassen." (Zit. S. 96)
Herkömmliche Verhaltensweisen einer zwar tief religiösen, aber für Buddhisten gleichfalls nahe am Abgrund des Aberglaubens stehenden Bevölkerung werden ebenfalls kritisch beleuchtet, wenn beispielsweise die alte Vorstellungswelt auf dem Dach der Welt mit den Augen Chöpels beschrieben wird: „Es kommt sogar vor, dass Tibeter aus einer ansonsten vollständigen Sammlung heiliger Texte eine einzelne Seite stehlen, um sie zu zerkleinern, in Amulette zu stopfen oder zu essen. Sie glauben allen Ernstes, dies gewähre ihnen Schutz und Segen." (Zit. S. 121) Wunderbare Ergänzung der Lebensbeschreibung sind die aus Gendün Chöpels Feder stammenden, teilweise sozialkritischen Gedichte:
"Gleichgültig wer oder wo, in Kalkutta, Nepal, Peking oder in Lhasa, im Land der Schneeberge,Wenn der Protagonist hinterfragt, ob es noch Ideale in Tibet gebe, und dabei die Missstände aufzählt, wird die Zerrissenheit der Verhältnisse auf dem Dach der Welt in der ersten Hälfte des 20. Jh. nur überdeutlich. Dass er in Ermangelung von Einflussmöglichkeit dann an dieser Zerrissenheit selbst zerbrach, verwundert dann nicht weiter. Politische Verfolgung durch die Behörden der eigenen tibetischen Regierung taten ihr Übriges, zumal die meisten idealistischen und reformbereiten Tibeter schon des Landes verwiesen worden waren. (S. 202) So führte ihn die Einsamkeit in einer aussichtslosen Welt zur Trunkenheit.
die Menschen verhalten sich in meinen Augen alle gleich beim Anblick von Tee, Butter oder Kleidern.
Selbst jene, die keinen Lärm und kein Gerede mögen,sich ruhig und gesittet betragen,
denken an nichts anderes als ein alter Sünder.
Die stolzen adeligen Lumpen lieben Lobhudelei und Schmeichelei,
und das Volk liebt Hinterlist und Betrügerei.
Die Jugend liebt das Spiel und die Freuden der Liebe,
fast jeder liebt inzwischen Bier und Tabak.
Die Leute hängen an ihren Familien, hassen und lehnen jeden ab, der von woanders her kommt.
Für mich gleicht die rohe Natur des Menschen der eines Ochsen!
Ihrem Ansehen zuliebe pilgern sie nach Tsari,
Sie üben sich in der schwierigen Beherrschung von Kälte und Hitze, um sich damit ihr Essen zu verdienen.
Sie rezitieren des Buddhas Wort gegen Bezahlung.
Denkt man darüber nach, so geschieht alles nur aus Gewinnstreben.
Für mich sind Mützen, Roben, Fahnen und Baldachine, Opferkuchen, Speise- und Trankopfer,
all die Riten, die wir ausführen, nichts anderes als ein prächtiges Possenspiel.
Obwohl es kein Glück gibt, weder im Tal noch oben auf dem Gipfel,
haben wir keine Wahl, als auf dieser Erde zu bleiben wie in einem Stall oder Hundezwinger,
bis dieser trügerische Körper aus Fleisch und Blut verschwindet.
Ach, so viel Freimut wird sie alle vor den Kopf stoßen!(Von einem, der den Namen »Dharma« trägt, Gendün Chöphel,
Tibetisches Akrostichon, 1936, zit. nach Hessel, S.158f.)
Wohltuend ist auch, dass mit dem Geleitwort von Loden Sherab Dagyab sich ein Tibeter aus dem Osten äußert, aus dem ja auch Gendün Chöpel stammte, und darauf verzichtet wurde, aus Marketing-Gründen den Dalai Lama einzuspannen. Letzterer entstammte zwar ebenfalls Amdo, gehörte jedoch letztlich jener tibetischen Gesellschaftsschicht zu, welche Gendün Chöpel zerbrach: „Gendün Chöpel Rinpoche war ein Universalgenie, das im eng konservativ denkenden Tibet seiner Zeit nicht auf Verständnis stoßen konnte." (Dagyab Rinpoche im Geleitwort) Es ist das Verdienst von Elke Hessel, dem deutschsprachigen Leser dieses Verständnis zu ermöglichen.
Elke Hessel: «Die Welt hat mich trunken gemacht. Die Lebensgeschichte
des Amdo Gendün Chöpel»
Berlin: Theseus Verlag 2000, 320 Seiten m. 1 Karte, 22,90 €
- ISBN: 3896201565
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